Unternehmerin, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien und Obfrau des Wiener Wirtschaftsbundes

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14.09.2007

Interview für "Die Wirtschaft"

Das Interview erschien am 30. August 2007 in der Zeitschrift "Die Wirtschaft".
Vielen Dank dem Österreichischen Wirtschaftsverlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.



Wirtschaftskammer Wien setzt auf Euro 2008
»Profitieren vom größten Sportereignis aller Zeiten«


Wien bleibt ein hochattraktiver Wirtschaftsstandort, ist Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien, überzeugt. Dafür sorgt unter anderen die Vielfalt der Unternehmer: 2006 kamen die rund 8.000 Neugründer in Wien aus 72 verschiedenen Nationen. Von der Euro 2008 erwartet sich Jank eine starke Schubwirkung, Nachholbedarf ortet sie bei der Bereitstellung von Betriebsflächen für produzierende Betriebe. Interview: Harald Hornacek


DIE WIRTSCHAFT: Der Wirtschaftsstandort Wien ist einer der dynamischsten Wirtschaftsräume in Europa. Wo sehen Sie Stärken, wo Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Wien?

BRIGITTE JANK: Wien ist ein attraktiver Wirtschaftsstandort, der sich vor allem durch seine geografische Lage, günstige Unternehmensbesteuerung, hervorragend ausgebildete Fachkräfte sowie ein hohes Maß an Sicherheit und Lebensqualität auszeichnet. Wien erfüllt durch seine Nähe zu den Märkten Mittel- und Osteuropas die Funktion einer zentraleuropäischen Drehscheibe, und punktet nicht zuletzt durch seine lange Erfahrung im Ostgeschäft. Internationale Unternehmen schätzen aber auch die vergleichsweise geringen Kosten, die eine Niederlassung in Wien mit sich bringt: Die Senkung der Körperschaftssteuer hat uns einen enormen Wettbewerbsvorteil beschert, die Büromieten sind im internationalen Vergleich noch immer gering. Zugleich gilt Wien als Wissens- und Kompetenzzentrum: Unternehmen können im Hinblick auf Technologietransfer von der Nähe zu Universitäten und Forschungszentren profitieren, die überdies hoch qualifizierte Arbeitnehmer heranbilden. Stärkefelder wie Biotechnologie, Life Science oder Creativindustrie werden künftig noch weiter an Bedeutung gewinnen. Nachholbedarf hat Wien bei der Bereitstellung von Betriebsflächen für produzierende Betriebe. Anders als vergleichbare Städte hat Wien noch immer kein langfristiges Betriebsflächenkonzept, das eine strategische Entwicklung der Flächenreserven ermöglicht. Derzeit arbeiten Experten der WKW an einer Internetplattform, in der erstmals alle Betriebs- und Industrieflächen für an- oder umsiedlungswillige Betriebe übersichtlich und klar dargestellt werden sollen.


DIE WIRTSCHAFT: Die Euro 2008 wird Österreich hoffentlich einen fußballerischen sicherlich aber einen wirtschaftlichen Erfolg bringen. Wie
können Sie als Wirtschaftskammer Wien hierbei die Wiener Betriebe unterstützen? Und welche konkreten Erwartungen haben Sie in Bezug auf die Auswirkungen der Euro 2008?


BRIGITTE JANK: Die Europameisterschaft ist das größte Sportereignis, das Wien bisher je gesehen hat. Aus unseren Gesprächen wissen wir, dass der Vorbereitungsstand der Wiener Unternehmen bereits sehr weit ist. Rund ein Drittel der Wirtschaftstreibenden wollen die EM für ihre Geschäfte nützen, ein Drittel ist sich diesbezüglich noch nicht sicher. Und das übrige Drittel hat kein Interesse an der EM. Wir unterstützen unsere Mitglieder mit einer breit angelegten Informationskampagne, um die Unternehmen auf die komplexe rechtliche Situation, besonders im Hinblick auf die geschützten Marken, vorzubereiten. Zur Orientierung haben wir bei Prof. Schnedlitz von der WU-Wien eine Marketingstudie speziell für die Euro 2008 ausarbeiten lassen, die unserer lokalen Wirtschaft Wege aufzeigt, wie man vom großen Kuchen profitiert. Dennoch schätzen wir die unmittelbaren wirtschaftlichen Effekte realistisch ein. Einige Branchen, wie Gastronomie oder Hotellerie, werden stärker profitieren. Für den Handel, das hat die Erfahrung der Weltmeisterschaft in Berlin gezeigt, wird es schwieriger werden. In jedem Fall erwarten wir uns aber einen enormen Imagegewinn. Wir sind für drei Wochen im Mittelpunkt der Sportberichterstattung, bis zu 7.000 Medienvertreter werden über die Euro berichten und nicht nur über Fußball schreiben. Das ist unsere Chance, Wien als wirtschaftliches Herz Mitteleuropas zu positionieren.


DIE WIRTSCHAFT: CREATIVESPACE ist die neue Plattform und das Herzstück einer Initiative, die eine neue Qualität der Vernetzung zwischen traditionellen Unternehmen und den Creative Industries etablieren möchte. Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit dieser interessanten Initiative?

BRIGITTE JANK: Kern der Plattform sind der Netzwerkgedanke und der Marktplatz. Kreative Köpfe werden mit etablierten Unternehmen mit dem Anspruch vernetzt, dass beide Seiten profitieren müssen. Für Kreative ist unsere Plattform nicht nur das Tor zu den rund 85.000 Wiener Unternehmen, sondern da das Internet an keine Grenzen gebunden ist, auch als internationale Präsentationsplattform für Wiener Kreativleistungen zu verstehen. Für alle Unternehmer ist www.creativespace.at Zugang zu einer großen Bandbreite an kreativen Leistungen, die sie nicht nur in ihren täglichen unternehmerischen Bedürfnissen unterstützen, sondern auch zur Steigerung ihres Unternehmenserfolgs beitragen können. Dieses Bewusstsein wird durch www.creativespace.at gestärkt, Unternehmen werden zu Kreativkooperationen motiviert.


DIE WIRTSCHAFT: Zwei Drittel der Wiener Betriebe sind Kleinst- und Ein- Personen-Unternehmen. Welche speziellen Leistungen erbringen Sie für diese Betriebe? Und wie wollen Sie diese Unternehmen zu mehr Wachstum und damit verbunden zur Aufnahme neuer Mitarbeiter führen? Welche Unterstützungen und Förderungen sind dafür notwendig?

BRIGITTE JANK: Als starker Partner unterstützt die Wirtschaftskammer Wien die Kleinbetriebe seit jeher mit einem breiten Servicepaket. Dieses Service habe ich heuer durch ein umfassendes 12- Punkte-Forderungs-Programm präzisiert, weil mir die sozialen Absicherungen für Kleinstunternehmen ein besonderes Anliegen sind. Darin sind wesentliche Forderungen enthalten, wie beispielweise jene, dass auch kleine Unternehmen endlich in den Genuss der Sechstel-Bestimmung, also einem 13. und 14. Gehalt, kommen. Damit beseitigen wir einen großen Nachteil im Steuerrecht für Unternehmer und schaffen eine Herabsetzung des Spitzensteuersatzes auf weit unter 50 Prozent. Auch die Forderungen nach Schaffung einer Betriebsausfallver- sicherung, die Einrichtung einer freiwilligen Arbeitslosenversicherung und un- befristete Arbeitslosengeldansprüche sind in diesem 12-Punkte-Programm enthalten. In Wien haben wir mit der Senkung des Beitragssatz in der Krankenversicherung, sowie mit dem neuen Aufsetzen der Betriebshilfe für Unternehmer in Notsituationen schon einiges erreicht. Das ist aber noch kein Grund für Zufriedenheit. Das 12- Punkte-Forderungs-Programm der Wirtschaftskammer Wien ist unsere interessenpolitische Road-Map, um künftig noch stärker sozialpolitische Forderungen für Wiener Unternehmen durchzusetzen.


DIE WIRTSCHAFT: Die Wiener Wirtschaft ist geprägt von Vielfalt – viele Nationalitäten sind in dieser Stadt unternehmerisch tätig. Wie einfach oder schwierig haben Sie es hier als Interessenvertretung, nicht nur sprachliche, sondern vielfach auch kulturelle Distanzen zu überbrücken?

BRIGITTE JANK: Ethnische Unternehmer sind ein wichtiger Teil der Wirtschaft Wiens. Rund 19.000 Unternehmen können als Betriebe mit Migrationshintergrund bezeichnet werden. Alleine im Vorjahr kamen die rund 8.000 Neugründer in Wien aus 72 verschiedenen Nationen. Aus Erfahrung wissen wir, dass sie sich in ihren Bedürfnissen und Ansprüchen nicht von heimischen Unternehmern unterscheiden. Die Gründungsmotive sind dieselben, auch Problemstellungen des Alltags wie etwa Finanzierungsfragen oder soziale Absicherung sind ident. Die Serviceleistungen der Wirtschaftskammer Wien stehen allen Mitgliedern uneingeschränkt zur Verfügung: Besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung bieten wir aber bei Sprachproblemen oder Verständnisschwierigkeiten mit dem österreichischen Rechtssystem. Studien bestätigen, dass die wirtschaftliche Integration von ethnischen Unternehmen in Wien bisher gut gelungen ist. Der gesellschaftspolitische Aspekt ist aber eine andere Sache. Beste Deutschkenntnisse sind für alle Kinder Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Die exportoriente Wiener Wirtschaft braucht in Zukunft noch stärker gut ausgebildete Fachkräfte mit interkulturellen Kenntnissen und Fähigkeiten. Dieses Potenzial, das Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen, ist unverzichtbarer Vorteil und muss von der Wirtschaft verstärkt unterstützt und genützt werden, die Politik hat für die notwendigen Rahmenbedingungen zu sorgen.

Danke für das Gespräch!