Unternehmerin, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien und Obfrau des Wiener Wirtschaftsbundes

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18.01.2008

Interview mit dem "WirtschaftsBlatt"

"Globale Ausrichtung ist künftig wesentlich"

>Für eine globale Ausrichtung der Wiener Wirtschaft plädiert WK Wien-Präsidentin Brigitte Jank im Exklusiv-Interview mit dem WirtschaftsBlatt. Das sei so wesentlich wie die bisherige Osteuropa-Orientierung.<


WirtschaftsBlatt: Wie fällt Ihre Bilanz für das Jahr 2007 aus?
Brigitte Jank: Das vergangene Jahr ist für die Wiener Wirtschaft sehr positiv verlaufen. Vor allem die Exportwirtschaft, die Bauwirtschaft und das Baunebengewerbe können sehr zufrieden sein. Auch der Handel hat vom starken Endspurt im Weihnachtsgeschäft profitiert. Dabei hat sich gezeigt, dass sich die Kaufkraft nicht nur auf den klassischen Handel, sondern auch auf den Dienstleistungssektor verteilt.

WirtschaftsBlatt: Werden bei den Öffnungszeiten, die heuer die Möglichkeit bieten, von 66 auf 72 Wochenstunden auszuweiten, substantielle Veränderungen notwendig sein?
Brigitte Jank: Mit der neuen Regelung erhalten die Kaufleute einen Handlungsspielraum, um die Verkaufszeiten optimal an die Wünsche der Kunden anzupassen. Schon vor Inkrafttreten der neuen Regelung haben wir aber festgestellt, dass die bisher erlaubten 66 Stunden vom Handel grossteils nicht voll ausgenützt worden sind. Ich gehe daher davon aus, dass es keine signifikanten Änderungen geben wird. Im neuen Jahr haben vor allem der Lebensmittelhandel und die Einkaufszentren ihre Öffnungszeiten angepasst. Letztendlich bestimmt aber der Konsument die Öffnungszeiten.

WirtschaftsBlatt: Wo liegen wirtschaftliche Pobleme für Wiens Untenehmer?
Brigitte Jank: In Wien gibt es mehr als 8000 Neugründungen pro Jahr. In der Aufbauphase, wo die wirtschaftliche Leistung oftmals noch nicht ausgeprägt genug ist, sind begleitende Beratungen sinnvoll. Auf der anderen Seite kommen viele Unternehmen in die Übergabephase. Mit der Abschaffung der Erbschaftssteuer wurde sichergestellt, dass die betriebliche Substanz und das Eigenkapital nicht mehr geschmälert werden. Darüber hinaus bieten wir als Wirtschaftskammer Wien ein breites Service-Angebot für Unternehmer, die Betriebe übernehmen wollen.

WirtschaftsBlatt: Wie zufrieden sind Ihre Mitglieder mit den Leistungen der Wirtschaftskammer?
Brigitte Jank: Darüber werten wir gerade eine Studie aus. Erste Ergebnisse zeigen, dass wir uns bei der Zufriedenheit der Mitglieder sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Beurteilung in eine sehr positive Richtung bewegen. In den vergangenen Jahren haben wir den Kontakt zu unseren Mitgliedern stark intensiviert - etwa auch im Rahmen des mobilen Info-Services. Das verstärken wir heuer mit einer neuen Kommunikationsoffensive.

WirtschaftsBlatt: Wie stehts um Ihre Forderungen an die Politik?
Brigitte Jank: Wir haben viel gefordert und viel erreicht: beispielsweise die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Unternehmer ab 1.1.2009, die Selbstständigenvorsorge nach dem Modell der „Abfertigung Neu" seit dem 1.1. dieses Jahres oder die Senkung der Beitragssätze in der Krankenzusatzversicherung. Eine weitere Forderung der Wirtschaftskammer, die erfüllt wurde, ist die bereits erwähnte Abschaffung der Erbschaftssteuer per 31.7.2008. Davon sind in Wien allein 12.000 KMU betroffen, die in den nächsten Jahren vor der Übergabe stehen. Offen ist die steuerliche Gleichstellung der Unternehmer mit den Unselbstständigen analog einem 13./14. Monatsgehalt. Massnahmen braucht es auch noch beim Thema Frau-Beruf-Familie, oftmals wurde ein optimales Verhältnis zwischen Arbeit, Familienleben und Kindererziehung noch nicht gefunden.
Sehr positiv bewerte ich auf europäischer Ebene, dass das von mir heftig kritisierte Reverse Charge Modell der EU von der Agenda der EU-Kommission vorläufig abgesetzt wurde. Österreich darf nicht zum Versuchskaninchen für das neue Steuer-Betrugsbekämpfungssystem werden, für das es überhaupt noch keine Erfahrungswerte gibt. Beim angedachten Modell einer Reverse Charge soll die Steuerschuld an das Ende der Lieferkette verlagert werden, die betrugsanfällige Vorsteuer-Erstattung entfällt. Ein Probelauf hätte die Wiener Unternehmer weit über 100 Millionen Euro gekostet - aufgrund von Anpassungen der EDV-Programme, zusätzlicher Steuerberatungskosten und neuer Erfassung der Lieferantenstruktur. Klar muss sein, dass Betrugsbekämpfung notwendig ist. Aber ob die vorgeschlagenen Mittel treffsicher sind, kann man meiner Meinung nach nicht mit einem Feldversuch in einem einzelnen Land erproben, sondern sollte zuerst in Simulationsverfahren durchgespielt werden.

WirtschaftsBlatt: Die Wiener Wirtschaft blickt immer deutlicher über Osteuropa hinaus in den Mittleren Osten etwa, wie eine WKW-Reise nach Dubai zeigte. Wird jetzt Osteuropa beziehungsweise die Region Wien-Bratislava nachgereiht?
Brigitte Jank: Wien hat nicht nur die Verpflichtung, seine Ostkompetenz zu erhalten, sondern wir sehen unsere künftigen Chancen auch darin, Drehscheibe für die aufstrebenden Wirtschaften der Ostländer nach dem Westen zu werden. Dazu brauchen wir noch viele begleitende Massnahmen, etwa im Infrastrukturbereich. Der Ausbau von Strasse, Schiene und Donau ist rasch voranzutreiben. Darüberhinaus ist für die Wiener Wirtschaft eine globale Ausrichtung gleichermassen wesentlich. Wir haben daher in Begleitung einer Delegation von 20 Wiener Unternehmen bei dieser Reise erste, sehr erfolgreiche Kooperationsgespräche geführt. Derartige Wirtschaftsmissionen organisieren wir auch in die nahen Märkte, wie etwa vor einigen Monaten nach Rumänien.

WirtschaftsBlatt: Was ist für eine erfolgreiche Betriebsasiedlungspolitik in Wien notwendig?
Brigitte Jank: Wir bereiten zur Zeit ein Betriebsflächenkonzept vor. Der Stadtentwicklungsplan (STEP) der Gemeinde Wien ist der übergeordnete Rahmen, uns geht es aber um das Detail. Bestehende Betriebsgebiete sind zu „branden" und für Investoren sichtbar zu machen. Es geht um die rasche und umfassende Information für Unternehmen auf Standortsuche. Wir denken an eine Plattform, mit allen relevanten Infos wie Standortvorteile, Verkehrsanbindungen, Widmungen, Aufschliessung, das Umfeld, mögliche Synergien mit bereits bestehenden Unternehmen etcetera. Jedenfalls sprechen wir uns weiterhin gegen Umwidmungen von Betriebsgebieten in Wohngebiet aus. Zudem wird eine Studie präsentiert werden, welche Branchen für die Weiterentwicklung des Wirtschaftstandortes Wien wichtig wären. Danach soll sich die Vermarktung ausrichten. Es ist bedauerlich, dass die Wirtschaftsuniversität und die Technische Universität beim Standort Aspern abgewunken haben. Ich appelliere an alle Beteiligten, positiv daran zu arbeiten, dass Aspern jedenfalls ein Wirtschafts- und Forschungsstandort wird.

WirtschaftsBlatt: Sie wollen Aspern als Wirtschaftsstandort positionieren. Für welche Spezialbereiche?
Brigitte Jank: Die angesprochene Studie wird uns mehr Aufschluss geben. Aus derzeitiger Sicht könnten es die Bereiche Umwelttechnologie, IKT oder der Automotive Sektor sein, nicht zuletzt wegen der Nähe zur Fahrzeugindustrie in der Slowakei.

WirtschaftsBlatt: Wie steht die Wiener Wirtschaft zur Euro 2008 im Juni? Die Taxler waren eine zeitlang skeptisch.
Brigitte Jank: Nach einer jüngsten Umfrage sind die Taxiunternehmer gut vorbereitet, auch wenn Beeinträchtigungen für die Verkehrswirtschaft zu erwarten sind. Es wird an der Zulieferlogistik für die vier Euro-Wochen aber schon jetzt gearbeitet. Für den Zu- und Abtransport der Gäste in den Fan-Zonen ist die Generalprobe mit dem Buskonzept im Advent bestens gelungen. Generell bedeutet die EM eine einzigartige Chance für die Wiener Wirtschaft, die die Unternehmer sicherlich bestens nützen werden.


Interview: Franz Gansrigler

Eine gekürzte Version erschien am 14. Jänner 2008 in der Printausgabe der Tageszeitung "WirtschaftsBlatt". Ich danke dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

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