Unternehmerin, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien und Obfrau des Wiener Wirtschaftsbundes

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25.06.2008

Global handeln, lokal siegen

Interview mit dem Magazin LIVE, Ausgabe 22/08 vom 20.06.2008

Als engagierte Fighterin für den Standort Wien ist Brigitte Jank vielen großen und kleinen Unternehmen ein Begriff. Jetzt sagt die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, wie die Stadt konkurrenzfähig bleiben soll. Denn der Wettstreit um die besten Köpfe und Konzerne wird härter in Europa.


Wien hat sich in den vergangenen Jahren trotz aufkommender Konkurrenz durch osteuropäische Metropolen einen guten Namen als Ost-West-Drehscheibe Europas erarbeitet. Wo sehen Sie die Wiener Wirtschaft im internationalen Vergleich?
Auf jeden Fall weit oben. Wiener Unternehmen sind in vielen Bereichen Weltmarktführer, vor allem in Nischenbereichen, die von großen Unternehmen nicht abgedeckt werden. Wir bieten hohe Qualität und wir sind kreativ. Das ist ein Muss, um uns in einer globalen Wirtschaft durchzusetzen. Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnellere den Langsameren. Wir müssen uns also schneller als die Mitbewerber entwickeln, um uns zu behaupten, und das können wir eigentlich ganz gut.

Trotzdem hat vor Kurzem das amerikanische IT-Unternehmen IBM angekündigt, sein CEE-Hauptquartier aus Wien abzuziehen. Ist das eine Niederlage für den ganzen Wirtschaftsstandort oder gar ein Vorbote für weitere Abwanderungen?
Wegen einer Abwanderung stürzt die Welt nicht ein, aber wir müssen natürlich überlegen, ob wir genug tun, um solche Unternehmen in Wien zu halten. Wir müssen überlegen, ob wir in manchen Punkten etwas optimieren oder verbessern können. Da ist auch die Politik gefragt.

Man muss also die Entscheidung von IBM hinterfragen, um sich selbst als Wirtschaftsstandort zu verbessern?
Genau. Nur so können wir sehen, welche Gründe es für die Abwanderung gegeben hat. Nur so sieht man, welche Schwächen wir in Zukunft schwächen und welche Stärken wir stärken müssen.

IBM geht mit seiner CEE-Zentrale nun nach Prag. Auch andere Städte in Wiens Nachbarschaft wie Budapest oder Bratislava machen der österreichischen Hauptstadt das Leben als Wirtschaftsstandort schwer. Wie kann man sich gegenüber dieser Konkurrenz rüsten und wettbewerbsfähig bleiben?
Konkurrenz ist immer Ansporn, um selbst besser zu werden. Davor dürfen wir uns nicht fürchten. Ganz im Gegenteil: Gerade mit Bratislava haben wir eine sehr enge Kooperation. Wir haben uns hier in den vergangenen Jahren ganz auf die Entwicklung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes konzentriert. Was die Schwächen der einen Stadt sind, sind die Vorteile der anderen. Wir tauschen Kontakte aus, helfen und ergänzen uns in vielen Punkten. So sind wir gemeinsam stärker und nützen die Chancen aus der Konkurrenzsituation.

Wie kann diese Kooperation mit Bratislava noch besser werden?
Wir haben nun zumindest eine durchgehende Straßenverbindung, aber das kann noch nicht alles sein. Wirtschaft hat sich immer an Verkehrsadern entwickelt, und da brauchen wir neue und bessere Verbindungen. Nicht nur Richtung Bratislava, sondern generell. Jahrelang ist nichts passiert und wichtige Projekte, die wir bereits jetzt brauchen würden, kommen frühestens 2015 oder später. Das kann man jetzt nur noch bedauern, aber nicht mehr aufholen. Viel wichtiger ist, dass Infrastrukturausbauten, die bereits am Tisch liegen, nicht mehr verschoben werden. Alles was jetzt geplant ist, muss man auch umsetzen. Und zwar so rasch wie möglich. Der Flughafen Schwechat ist beispielsweise eine der wenigen
europäischen Ost-West-Drehscheiben und wird das nur mit kräftigen Investitionen auch bleiben.

Was entscheidet, abgesehen von den Verkehrsanbindungen, über einen attraktiven Wirtschaftsstandort?
Das Ringen um qualifizierte Fachkräfte. Das ist sicher der Kampf der Zukunft, und nur wer da die Nase vorne hat, wird auch weiter wachsen. Firmen sind schließlich nur so gut wie ihre Mitarbeiter. Wien ist eine große Universitätsstadt und punktet deshalb bei der Verfügbarkeit hochqualifizierter Mitarbeiter.

Ist auch Lebensqualität für das Wachstum eines Wirtschaftsstandortes wichtig?
Selbstverständlich. Gute Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder, Sicherheit und das Freizeitangebot einer Stadt sind sehr, sehr wichtige Punkte. Aber auch in dem Bereich mache ich mir keine Sorgen, da ist Wien in einer herausragenden Position. Da befürchte ich auch nicht, dass uns dieser Rang bald abgelaufen werden könnte. Immerhin gilt Wien – nach Zürich – als lebenswerteste Stadt der Welt. Das sagt schon einiges aus.

Der Wirtschaftsstandort Wien endet längst nicht mehr bei den Stadtgrenzen, sondern geht in das Umland hinaus. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Niederösterreich?

Das Wachstum im sogenannten Speckgürtel ist vor allem ein Wiener Wachstum. Es sind großteils Wiener Firmen, die hier nicht mehr genügend Platz haben und daher nach Niederösterreich gehen. Deshalb müssen beide Bundesländer kooperieren. Wir brauchen ein gemeinsames Verkehrskonzept, aber auch einen gemeinsamen Flächenwidmungsplan. Da gibt es sicher noch Verbesserungspotenzial, aber nur so kann die gesamte Region nachhaltig wachsen.

Kommen wir abschließend zur Fußball-Europameisterschaft. Was bringt der Großevent für die heimische Wirtschaft?
Wir profitieren unter anderem von den vorgezogenen Investitionen in die Infrastruktur. Konkret meine ich hier beispielsweise die U2-Verlängerung. Den größten Vorteil sehe ich aber in der Medienpräsenz. Die TV-Übertragungen der Spiele erreichen weltweit Milliarden Haushalte. Ich hoffe, dass es gelingt, uns nachhaltig als attraktiven Wirtschaftsstandort zu empfehlen.

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Das Interview führten Jürgen Zacharias und Andreas Dressler. Ich danke der FF Zeitschriftenverlags GmbH für die Genehmigung zur Veröffentlichung.