18.09.2008
"Wiener Betriebe brauchen bessere Infrastruktur"
Interview mit dem WirtschaftsBlatt vom 15.09.2008
Sollten Betriebe nicht entlastet werden, droht der Standort Wien entscheidend an Attraktivität zu verlieren, meint Wirtschaftskammer Wien-Präsidentin Brigitte Jank.
Der Wirtschaftsstandort Wien ist einer der dynamischsten Wirtschaftsräume in Europa. Wo sehen Sie seine Stärken und wo Herausforderungen?
Jank: Wien hat viele Stärken: hervorragende, von der Wirtschaft ausgebildete Fachkräfte, einige 100 universitäre und außeruniversitäre Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und ein hohes Maß an Lebensqualität und Sicherheit. Wir sind mittel- und osteuropäischer Hub und können unsere historisch gewachsene Ostkompetenz ausgezeichnet wirtschaftlich umsetzten. Ein beschränktes Flächenangebot und die hohen Energie- und Rohstoffpreise sind derzeit allerdings eine große Herausforderung für Wiener Betriebe.
Welche Sofortmaßnahmen können Sie sich da konkret für Unternehmen seitens der Regierung vorstellen?
Jank: Die Unternehmen brauchen eine Entlastung, um einen finanziellen Spielraum für Investitionen zu haben. Ich habe deshalb in einem 20 Punkteprogramm die Erwartungen an die Politik formuliert. Die Einkommenssteuerreform zur Entlastung der Klein- und Mittelständischen Unternehmen (KMU) ist überfällig. Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen wäre eine jährliche Entlastung der Wiener Betriebe von 513 Mio. Euro rasch umsetzbar. Der Bürokratieabbau brächte weitere 250 Mio. Euro an Einsparungen.
Wie wichtig sind diese Forderungen für die Wiener Betriebe?
Jank: 17 Prozent der Wiener Industrieunternehmen haben in den vergangenen Jahren Betriebsteile vom Standort Wien an andere Standorte innerhalb oder außerhalb Österreichs verlagert. Als häufigste Gründe werden genannt: Geringe Lohn- und Personalkosten, Expansion, Harmonisierung und Zusammenführung von Betriebsteilen und eine Verbesserung der Infrastruktur bzw. der Verkehrsanbindung. Um das Gleichgewicht an großen, mittleren und kleinen Unternehmen, das für unser Wirtschaftssystem wesentlich ist, zu erhalten, müssen unsere Forderungen ernst genommen werden.
Der Standort Österreich und im Speziellen der Standort Wien verliert also entscheidend an Attraktivität?
Jank: Das wird passieren, wenn unsere Forderungen nicht raschest möglich umgesetzt werden. Damit der Wirtschaftsstandort Wien attraktiv bleibt, müssen die Unternehmen einerseits finanziell entlastet und andererseits die allgemeinen Rahmenbedingungen verbessert werden. Etwa auch durch die Ausweitung des Innovationschecks für Kooperationen mit öffentlichen Forschungseinrichtungen oder durch ein nachhaltiges Betriebsflächenkonzept oder den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.
WIENER KRAFT
Wien sieht sich gerne als internationaler Wirtschaftsstandort. Die Industriellenvereinigung beispielsweise bedauert einen gewissen Provinzialismus Wiens und meint, Wien und Österreich müssen aufgrund ihrer Lage und Intelligenz die Arme weit für ausländische Fachkräfte ausbreiten.
Auf die WirtschaftsBlatt-Frage, ob die mitteleuropäische Metropole genügend weltoffen sei, antwortete WKW-Präsidentin Brigitte Jank, dass Wien zu den zehn meistgefragten Wirtschaftsstandorten in Europa gehöre. "Wir sind also für internationale Investoren äußerst interessant." Andererseits könne man sich auch ansehen, "welche Kraft von Wien ausgeht: Wiener Betriebe expandieren massiv in den CEE-Raum und erreichen teilweise auch Marktführerschaft. Ohne Weltoffenheit wäre beides nicht zu schaffen."
Foto: Peroutka, Foltin
Ein für die Wirtschaft wichtiges Thema ist ja auch die Infrastruktur – speziell die Bahninfrastruktur. Alles gleichzeitig bauen wird vermutlich nicht gehen. Wo ist für Sie der dringendste Handlungsbedarf?
Jank: Das Wichtigste ist, der Wirtschaft leistungsstarke Terminals zur Verfügung zu stellen. Die heutigen Signale gehen aber in eine andere Richtung: der Terminal Wien Nordwest soll wegen einem Immobilienprojekt aufgelassen werden, ohne dass ein entsprechender Ersatz in greifbarer Nähe wäre. Daher fordern wir konkrete Überlegungen hinsichtlich eines neuen Terminals nordöstlich von Wien. Dafür müssten aber sehr rasch geeignete Flächen gesichert werden. Und auch im Süden wartet die Wirtschaft längst auf konkrete Taten – Stichwort Terminal Inzersdorf.
Wie stehen Sie zum Ausbau der russischen Breitspur nach Wien?
Jank: Für den Wirtschaftsstandort Wien kann das eine interessante Option sein. Ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, müssen aber erst entsprechende Studien ergeben. Offenbar gibt es von russischer Seite her ein besonderes Interesse an dem Projekt und schon allein deswegen sollten wir diese Ideen ernsthaft prüfen.
Hat das Twin City-Konzept Wien-Bratislava durch den Zuschlag des Europäischen Technologie- und Innovationszentrums (EIT) für Budapest einen schweren Rückschlag erhalten?
Jank: Das EIT hätte gut zum Forschungszentrum Wien gepasst, aber man soll den Zuschlag an Budapest nicht überbewerten. Es muss aber Ansporn sein, das Stadterweiterungsgebiet Aspern als Wiener F & E- Standort zügig zu entwickeln.
Sie haben am Beginn gesagt, wie sehr sich die Wiener Unternehmen mit den hohen Energiekosten plagen. Außer Forderungen an die künftige Regierung: Was kann hier die Wirtschaftskammer Wien für die Unternehmen selbst tun?
Jank: Die billigste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Als Wirtschaftskammer Wien setzten wir deshalb verstärkt auf Energieeinsparungs- und Effizienzpotenziale in den Betrieben und fördern die Beratungskosten dafür zu 75 Prozent. Neben einer fundierten Analyse der Ist-Situation erhalten die Unternehmen konkrete Verbesserungsvorschläge. Die Forderung nach mehr Wettbewerb bei den Energieanbietern bleibt unvermindert aufrecht.
Das Interview führte
FRANZ GANSRIGLER
Sollten Betriebe nicht entlastet werden, droht der Standort Wien entscheidend an Attraktivität zu verlieren, meint Wirtschaftskammer Wien-Präsidentin Brigitte Jank.
Der Wirtschaftsstandort Wien ist einer der dynamischsten Wirtschaftsräume in Europa. Wo sehen Sie seine Stärken und wo Herausforderungen?
Jank: Wien hat viele Stärken: hervorragende, von der Wirtschaft ausgebildete Fachkräfte, einige 100 universitäre und außeruniversitäre Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und ein hohes Maß an Lebensqualität und Sicherheit. Wir sind mittel- und osteuropäischer Hub und können unsere historisch gewachsene Ostkompetenz ausgezeichnet wirtschaftlich umsetzten. Ein beschränktes Flächenangebot und die hohen Energie- und Rohstoffpreise sind derzeit allerdings eine große Herausforderung für Wiener Betriebe.
Welche Sofortmaßnahmen können Sie sich da konkret für Unternehmen seitens der Regierung vorstellen?
Jank: Die Unternehmen brauchen eine Entlastung, um einen finanziellen Spielraum für Investitionen zu haben. Ich habe deshalb in einem 20 Punkteprogramm die Erwartungen an die Politik formuliert. Die Einkommenssteuerreform zur Entlastung der Klein- und Mittelständischen Unternehmen (KMU) ist überfällig. Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen wäre eine jährliche Entlastung der Wiener Betriebe von 513 Mio. Euro rasch umsetzbar. Der Bürokratieabbau brächte weitere 250 Mio. Euro an Einsparungen.
Wie wichtig sind diese Forderungen für die Wiener Betriebe?
Jank: 17 Prozent der Wiener Industrieunternehmen haben in den vergangenen Jahren Betriebsteile vom Standort Wien an andere Standorte innerhalb oder außerhalb Österreichs verlagert. Als häufigste Gründe werden genannt: Geringe Lohn- und Personalkosten, Expansion, Harmonisierung und Zusammenführung von Betriebsteilen und eine Verbesserung der Infrastruktur bzw. der Verkehrsanbindung. Um das Gleichgewicht an großen, mittleren und kleinen Unternehmen, das für unser Wirtschaftssystem wesentlich ist, zu erhalten, müssen unsere Forderungen ernst genommen werden.
Der Standort Österreich und im Speziellen der Standort Wien verliert also entscheidend an Attraktivität?
Jank: Das wird passieren, wenn unsere Forderungen nicht raschest möglich umgesetzt werden. Damit der Wirtschaftsstandort Wien attraktiv bleibt, müssen die Unternehmen einerseits finanziell entlastet und andererseits die allgemeinen Rahmenbedingungen verbessert werden. Etwa auch durch die Ausweitung des Innovationschecks für Kooperationen mit öffentlichen Forschungseinrichtungen oder durch ein nachhaltiges Betriebsflächenkonzept oder den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.
WIENER KRAFTWien sieht sich gerne als internationaler Wirtschaftsstandort. Die Industriellenvereinigung beispielsweise bedauert einen gewissen Provinzialismus Wiens und meint, Wien und Österreich müssen aufgrund ihrer Lage und Intelligenz die Arme weit für ausländische Fachkräfte ausbreiten.
Auf die WirtschaftsBlatt-Frage, ob die mitteleuropäische Metropole genügend weltoffen sei, antwortete WKW-Präsidentin Brigitte Jank, dass Wien zu den zehn meistgefragten Wirtschaftsstandorten in Europa gehöre. "Wir sind also für internationale Investoren äußerst interessant." Andererseits könne man sich auch ansehen, "welche Kraft von Wien ausgeht: Wiener Betriebe expandieren massiv in den CEE-Raum und erreichen teilweise auch Marktführerschaft. Ohne Weltoffenheit wäre beides nicht zu schaffen."
Foto: Peroutka, Foltin
Ein für die Wirtschaft wichtiges Thema ist ja auch die Infrastruktur – speziell die Bahninfrastruktur. Alles gleichzeitig bauen wird vermutlich nicht gehen. Wo ist für Sie der dringendste Handlungsbedarf?
Jank: Das Wichtigste ist, der Wirtschaft leistungsstarke Terminals zur Verfügung zu stellen. Die heutigen Signale gehen aber in eine andere Richtung: der Terminal Wien Nordwest soll wegen einem Immobilienprojekt aufgelassen werden, ohne dass ein entsprechender Ersatz in greifbarer Nähe wäre. Daher fordern wir konkrete Überlegungen hinsichtlich eines neuen Terminals nordöstlich von Wien. Dafür müssten aber sehr rasch geeignete Flächen gesichert werden. Und auch im Süden wartet die Wirtschaft längst auf konkrete Taten – Stichwort Terminal Inzersdorf.
Wie stehen Sie zum Ausbau der russischen Breitspur nach Wien?
Jank: Für den Wirtschaftsstandort Wien kann das eine interessante Option sein. Ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, müssen aber erst entsprechende Studien ergeben. Offenbar gibt es von russischer Seite her ein besonderes Interesse an dem Projekt und schon allein deswegen sollten wir diese Ideen ernsthaft prüfen.
Hat das Twin City-Konzept Wien-Bratislava durch den Zuschlag des Europäischen Technologie- und Innovationszentrums (EIT) für Budapest einen schweren Rückschlag erhalten?
Jank: Das EIT hätte gut zum Forschungszentrum Wien gepasst, aber man soll den Zuschlag an Budapest nicht überbewerten. Es muss aber Ansporn sein, das Stadterweiterungsgebiet Aspern als Wiener F & E- Standort zügig zu entwickeln.
Sie haben am Beginn gesagt, wie sehr sich die Wiener Unternehmen mit den hohen Energiekosten plagen. Außer Forderungen an die künftige Regierung: Was kann hier die Wirtschaftskammer Wien für die Unternehmen selbst tun?
Jank: Die billigste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Als Wirtschaftskammer Wien setzten wir deshalb verstärkt auf Energieeinsparungs- und Effizienzpotenziale in den Betrieben und fördern die Beratungskosten dafür zu 75 Prozent. Neben einer fundierten Analyse der Ist-Situation erhalten die Unternehmen konkrete Verbesserungsvorschläge. Die Forderung nach mehr Wettbewerb bei den Energieanbietern bleibt unvermindert aufrecht.
FRANZ GANSRIGLER





