Unternehmerin, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien und Obfrau des Wiener Wirtschaftsbundes

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Interviews

18.09.2008

"Wiener Betriebe brauchen bessere Infrastruktur"

Interview mit dem WirtschaftsBlatt vom 15.09.2008

Sollten Betriebe nicht entlastet werden, droht der Standort Wien entscheidend an Attraktivität zu verlieren, meint Wirtschaftskammer Wien-Präsidentin Brigitte Jank.


Der Wirtschaftsstandort Wien ist einer der dynamischsten Wirtschaftsräume in Europa. Wo sehen Sie seine Stärken und wo Herausforderungen?
Jank: Wien hat viele Stärken: hervorragende, von der Wirtschaft ausgebildete Fachkräfte, einige 100 universitäre und außeruniversitäre Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und ein hohes Maß an Lebensqualität und Sicherheit. Wir sind mittel- und osteuropäischer Hub und können unsere historisch gewachsene Ostkompetenz ausgezeichnet wirtschaftlich umsetzten. Ein beschränktes Flächenangebot und die hohen Energie- und Rohstoffpreise sind derzeit allerdings eine große Herausforderung für Wiener Betriebe.

Welche Sofortmaßnahmen können Sie sich da konkret für Unternehmen seitens der Regierung vorstellen?
Jank: Die Unternehmen brauchen eine Entlastung, um einen finanziellen Spielraum für Investitionen zu haben. Ich habe deshalb in einem 20 Punkteprogramm die Erwartungen an die Politik formuliert. Die Einkommenssteuerreform zur Entlastung der Klein- und Mittelständischen Unternehmen (KMU) ist überfällig. Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen wäre eine jährliche Entlastung der Wiener Betriebe von 513 Mio. Euro rasch umsetzbar. Der Bürokratieabbau brächte weitere 250 Mio. Euro an Einsparungen.

Wie wichtig sind diese Forderungen für die Wiener Betriebe?
Jank: 17 Prozent der Wiener Industrieunternehmen haben in den vergangenen Jahren Betriebsteile vom Standort Wien an andere Standorte innerhalb oder außerhalb Österreichs verlagert. Als häufigste Gründe werden genannt: Geringe Lohn- und Personalkosten, Expansion, Harmonisierung und Zusammenführung von Betriebsteilen und eine Verbesserung der Infrastruktur bzw. der Verkehrsanbindung. Um das Gleichgewicht an großen, mittleren und kleinen Unternehmen, das für unser Wirtschaftssystem wesentlich ist, zu erhalten, müssen unsere Forderungen ernst genommen werden.

Der Standort Österreich und im Speziellen der Standort Wien verliert also entscheidend an Attraktivität?
Jank: Das wird passieren, wenn unsere Forderungen nicht raschest möglich umgesetzt werden. Damit der Wirtschaftsstandort Wien attraktiv bleibt, müssen die Unternehmen einerseits finanziell entlastet und andererseits die allgemeinen Rahmenbedingungen verbessert werden. Etwa auch durch die Ausweitung des Innovationschecks für Kooperationen mit öffentlichen Forschungseinrichtungen oder durch ein nachhaltiges Betriebsflächenkonzept oder den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.


wirtblatt_jank1WIENER KRAFT

Wien sieht sich gerne als internationaler Wirtschaftsstandort. Die Industriellenvereinigung beispielsweise bedauert einen gewissen Provinzialismus Wiens und meint, Wien und Österreich müssen aufgrund ihrer Lage und Intelligenz die Arme weit für ausländische Fachkräfte ausbreiten.
Auf die WirtschaftsBlatt-Frage, ob die mitteleuropäische Metropole genügend weltoffen sei, antwortete WKW-Präsidentin Brigitte Jank, dass Wien zu den zehn meistgefragten Wirtschaftsstandorten in Europa gehöre. "Wir sind also für internationale Investoren äußerst interessant." Andererseits könne man sich auch ansehen, "welche Kraft von Wien ausgeht: Wiener Betriebe expandieren massiv in den CEE-Raum und erreichen teilweise auch Marktführerschaft. Ohne Weltoffenheit wäre beides nicht zu schaffen."
Foto: Peroutka, Foltin


Ein für die Wirtschaft wichtiges Thema ist ja auch die Infrastruktur – speziell die Bahninfrastruktur. Alles gleichzeitig bauen wird vermutlich nicht gehen. Wo ist für Sie der dringendste Handlungsbedarf?
Jank: Das Wichtigste ist, der Wirtschaft leistungsstarke Terminals zur Verfügung zu stellen. Die heutigen Signale gehen aber in eine andere Richtung: der Terminal Wien Nordwest soll wegen einem Immobilienprojekt aufgelassen werden, ohne dass ein entsprechender Ersatz in greifbarer Nähe wäre. Daher fordern wir konkrete Überlegungen hinsichtlich eines neuen Terminals nordöstlich von Wien. Dafür müssten aber sehr rasch geeignete Flächen gesichert werden. Und auch im Süden wartet die Wirtschaft längst auf konkrete Taten – Stichwort Terminal Inzersdorf.

Wie stehen Sie zum Ausbau der russischen Breitspur nach Wien?
Jank: Für den Wirtschaftsstandort Wien kann das eine interessante Option sein. Ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, müssen aber erst entsprechende Studien ergeben. Offenbar gibt es von russischer Seite her ein besonderes Interesse an dem Projekt und schon allein deswegen sollten wir diese Ideen ernsthaft prüfen.

Hat das Twin City-Konzept Wien-Bratislava durch den Zuschlag des Europäischen Technologie- und Innovationszentrums (EIT) für Budapest einen schweren Rückschlag erhalten?
Jank: Das EIT hätte gut zum Forschungszentrum Wien gepasst, aber man soll den Zuschlag an Budapest nicht überbewerten. Es muss aber Ansporn sein, das Stadterweiterungsgebiet Aspern als Wiener F & E- Standort zügig zu entwickeln.

Sie haben am Beginn gesagt, wie sehr sich die Wiener Unternehmen mit den hohen Energiekosten plagen. Außer Forderungen an die künftige Regierung: Was kann hier die Wirtschaftskammer Wien für die Unternehmen selbst tun?
Jank: Die billigste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Als Wirtschaftskammer Wien setzten wir deshalb verstärkt auf Energieeinsparungs- und Effizienzpotenziale in den Betrieben und fördern die Beratungskosten dafür zu 75 Prozent. Neben einer fundierten Analyse der Ist-Situation erhalten die Unternehmen konkrete Verbesserungsvorschläge. Die Forderung nach mehr Wettbewerb bei den Energieanbietern bleibt unvermindert aufrecht.

WirtschaftsBlattDas Interview führte
FRANZ GANSRIGLER

18.08.2008

"Wiener Wirtschaft am Puls der Zeit"

Interview mit dem Magazin FORMAT, erschienen in der Ausgabe 33 l 08 vom 14.08.2008

Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien, über den Innovationsstandort Wien, den Innovationspreis "Mercur" sowie Beratung und Förderung für innovative Unternehmen.

Format: Frau Präsidentin, welchen Stellenwert hat der Faktor Innovation am
Wirtschaftsstandort Wien?
Jank: Einen zentralen – wenn Sie Innovation als echte, umfassende Neuerung begreifen. Die Wiener Wirtschaft hat sich in den letzten 20 Jahren in weiten Bereichen grundlegend erneuert. Wobei bei diesem Prozess auch noch andere Faktoren eine wesentliche Rolle spielen.

Format: Um welche handelt es sich dabei?
Jank: Essenziell für das Fortkommen der Wiener Wirtschaft sind neben der Stärkung der Innovationskraft das Aufrechterhalten und die Weiterentwicklung von Qualität sowie das Fördern der Kreativität.

Format: Wie sehen Sie die Position des Standorts unter dieser Prämisse?
Jank: Alle drei Faktoren sind sehr stark ausgeprägt. Wien bietet bestqualifizierte Fachkräfte und ist ein Zentrum der Creative Industries. Wir haben zudem ein sehr innovationsfreundliches Klima. Mit einer Forschungs- und Entwicklungsquote von 3,13 Prozent liegen wir jetzt schon über den Vorgaben des Barcelona-Ziels. In Wien arbeiten rund 35.000 Menschen in der Forschung, 40 Prozent der österreichischen Forschungsausgaben werden in Wien getätigt. Wir sind hier auch im internationalen Vergleich sehr gut positioniert.

Format: Was kann die Wirtschaftskammer dazu beitragen, dass diese Rahmenbedingungen den Wiener Unternehmen auch konkret zugute kommen?
Jank: Wir informieren und beraten Unternehmen über Kooperationsmöglichkeiten mit universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wir unterstützen sie bei der Kontaktanbahnung, wir begleiten sie bei dem Prozess, diese vorhandenen Kräfte und Ressourcen voll zu aktivieren und damit ihre Marktchancen zu nutzen und zu verbessern.

Format: Sind die Voraussetzungen dafür in den Betrieben überhaupt vorhanden?
Jank: Der Erfindergeist an sich ist eine wichtige Eigenschaft und bei unseren Unternehmen sehr stark ausgeprägt. Aber, und da sprechen Sie ein Problem an, beim Übergang von der Idee zur Umsetzung bis zum professionellen Markteintritt gibt es gerade für die kleineren Unternehmen oft Schwierigkeiten. Wir unterstützen sie dabei, die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich aus ihren Ideen ergeben, tatsächlich zu realisieren.

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Format: Mit Ihrem Innovationspreis, dem Mercur, zeichnen Sie genau solche marktfähigen Innovationsprojekte aus. Was bringt dieser Preis den Unternehmen?
Jank: Mit dem Mercur, den wir seit mehr als 20 Jahren vergeben, würdigen wir hervorragende Wiener Unternehmen und bieten ihnen die
Möglichkeit, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren, ihre Leistungen bekannter zu machen. In dieser Hinsicht ist der Mercur ein Marketinginstrument. Bisher haben 800 Unternehmen aus Wien teilgenommen. Viele von ihnen reichen immer wieder ein – das zeigt, dass es dort eine kontinuierliche Innovationskraft gibt, dass sich in diesen Unternehmen eine Innovationskultur etabliert hat. Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sollen keine einmalige Angelegenheit sein. Nur wo permanent Innovationen geschaffen werden, bleibt die Wirtschaft am Puls der Zeit.


Format: Und der Mercur unterstützt diesen Prozess?
Jank: Auf jeden Fall. Dass der Mercur dabei Schützenhilfe leisten und die Entwicklung eines Unternehmens weiter treiben kann, beweist das Beispiel Bender Med Systems. Das Unternehmen hat 2000 erstmals und seither immer wieder den Mercur gewonnen – zuletzt mit einem diagnostischen System zum Nachweis von Adipositas. Aus einem Spin-off hervorgegangen, beschäftigt Bender mittlerweile am Standort Wien sehr gute Mitarbeiter aus aller Welt und ist global tätig.

Format: Beim Mercur selbst gibt es heuer ja auch einige Innovationen.
Jank: Auch wir müssen auf die sich ändernden Umstände und Herausforderungen reagieren. Mit dem Mercur 2008 decken wir ein breiteres Spektrum als bisher ab. Neben den drei Kategorien Innovationen allgemein, Kreativität und Jungunternehmer gibt es drei weitere Sonderpreise, den Feminnova für innovative Unternehmerinnen, einen Preis für besonders erfolgreiche Kooperationen sowie den Econovius für Projekte von kleinen Unternehmen.

Format: Wie wichtig ist der Netzwerkgedanke für die Innovationskraft?
Jank: Der Mercur ist in dieser Hinsicht durchaus eine Leistungsschau, bei der nicht nur die Gewinner und Einreicher vertreten sind, sondern auch alle früheren Preisträger. Es bietet sich nicht nur die Chance, sein Produkt einem spezifisch interessierten Publikum zu präsentieren, sondern auch Kontakte zu knüpfen und Kooperationen zu initiieren.

Format: Wie sieht es mit der Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Wien aus?
Jank: Einerseits vergeben und unterstützten wir selbst Forschungsaufträge für die Wirtschaft, andererseits wollen wir das enorme Know how, das an den Universitäten erarbeitet wird, bestmöglich in die Wirtschaft hineinbringen. Was dort geleistet wird, darf nicht nur in Publikationen enden. Da ist noch viel zu tun, weil die Sprache der Forscher und Wissenschaftler oft nicht die Sprache der Wirtschaft ist. Als Wirtschaftskammer sind wir da in einer gewissen Weise als Übersetzer tätig. Das wird ein Schwerpunkt unserer Arbeit der nächsten Jahre.

Format: Gibt es bei der Innovationsförderung im Allgemeinen aus Sicht der Wirtschaft Verbesserungsbedarf?
Jank: Die konkrete Förderungsabwicklung ist für kleine Unternehmen sehr schwierig und aufwendig und viele verzichten daher oft nicht nur auf die Förderung, sondern gleich auf das ganze Projekt. Daher mein Appell an alle Fördereinrichtungen, den Zugang leichter zu machen. Etwa indem man in einer ersten Runde, die wenig Zeit kostet, klärt, ob ein Projekt grundsätzlich förderwürdig ist und erst in einem zweiten Schritt in die detaillierten Förderbedingungen einsteigt.

FORMAT2Interview: Michael Schmid, Foto: Martin Vukovits
Ich danke für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

25.06.2008

Global handeln, lokal siegen

Interview mit dem Magazin LIVE, Ausgabe 22/08 vom 20.06.2008

Als engagierte Fighterin für den Standort Wien ist Brigitte Jank vielen großen und kleinen Unternehmen ein Begriff. Jetzt sagt die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, wie die Stadt konkurrenzfähig bleiben soll. Denn der Wettstreit um die besten Köpfe und Konzerne wird härter in Europa.


Wien hat sich in den vergangenen Jahren trotz aufkommender Konkurrenz durch osteuropäische Metropolen einen guten Namen als Ost-West-Drehscheibe Europas erarbeitet. Wo sehen Sie die Wiener Wirtschaft im internationalen Vergleich?
Auf jeden Fall weit oben. Wiener Unternehmen sind in vielen Bereichen Weltmarktführer, vor allem in Nischenbereichen, die von großen Unternehmen nicht abgedeckt werden. Wir bieten hohe Qualität und wir sind kreativ. Das ist ein Muss, um uns in einer globalen Wirtschaft durchzusetzen. Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnellere den Langsameren. Wir müssen uns also schneller als die Mitbewerber entwickeln, um uns zu behaupten, und das können wir eigentlich ganz gut.

Trotzdem hat vor Kurzem das amerikanische IT-Unternehmen IBM angekündigt, sein CEE-Hauptquartier aus Wien abzuziehen. Ist das eine Niederlage für den ganzen Wirtschaftsstandort oder gar ein Vorbote für weitere Abwanderungen?
Wegen einer Abwanderung stürzt die Welt nicht ein, aber wir müssen natürlich überlegen, ob wir genug tun, um solche Unternehmen in Wien zu halten. Wir müssen überlegen, ob wir in manchen Punkten etwas optimieren oder verbessern können. Da ist auch die Politik gefragt.

Man muss also die Entscheidung von IBM hinterfragen, um sich selbst als Wirtschaftsstandort zu verbessern?
Genau. Nur so können wir sehen, welche Gründe es für die Abwanderung gegeben hat. Nur so sieht man, welche Schwächen wir in Zukunft schwächen und welche Stärken wir stärken müssen.

IBM geht mit seiner CEE-Zentrale nun nach Prag. Auch andere Städte in Wiens Nachbarschaft wie Budapest oder Bratislava machen der österreichischen Hauptstadt das Leben als Wirtschaftsstandort schwer. Wie kann man sich gegenüber dieser Konkurrenz rüsten und wettbewerbsfähig bleiben?
Konkurrenz ist immer Ansporn, um selbst besser zu werden. Davor dürfen wir uns nicht fürchten. Ganz im Gegenteil: Gerade mit Bratislava haben wir eine sehr enge Kooperation. Wir haben uns hier in den vergangenen Jahren ganz auf die Entwicklung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes konzentriert. Was die Schwächen der einen Stadt sind, sind die Vorteile der anderen. Wir tauschen Kontakte aus, helfen und ergänzen uns in vielen Punkten. So sind wir gemeinsam stärker und nützen die Chancen aus der Konkurrenzsituation.

Wie kann diese Kooperation mit Bratislava noch besser werden?
Wir haben nun zumindest eine durchgehende Straßenverbindung, aber das kann noch nicht alles sein. Wirtschaft hat sich immer an Verkehrsadern entwickelt, und da brauchen wir neue und bessere Verbindungen. Nicht nur Richtung Bratislava, sondern generell. Jahrelang ist nichts passiert und wichtige Projekte, die wir bereits jetzt brauchen würden, kommen frühestens 2015 oder später. Das kann man jetzt nur noch bedauern, aber nicht mehr aufholen. Viel wichtiger ist, dass Infrastrukturausbauten, die bereits am Tisch liegen, nicht mehr verschoben werden. Alles was jetzt geplant ist, muss man auch umsetzen. Und zwar so rasch wie möglich. Der Flughafen Schwechat ist beispielsweise eine der wenigen
europäischen Ost-West-Drehscheiben und wird das nur mit kräftigen Investitionen auch bleiben.

Was entscheidet, abgesehen von den Verkehrsanbindungen, über einen attraktiven Wirtschaftsstandort?
Das Ringen um qualifizierte Fachkräfte. Das ist sicher der Kampf der Zukunft, und nur wer da die Nase vorne hat, wird auch weiter wachsen. Firmen sind schließlich nur so gut wie ihre Mitarbeiter. Wien ist eine große Universitätsstadt und punktet deshalb bei der Verfügbarkeit hochqualifizierter Mitarbeiter.

Ist auch Lebensqualität für das Wachstum eines Wirtschaftsstandortes wichtig?
Selbstverständlich. Gute Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder, Sicherheit und das Freizeitangebot einer Stadt sind sehr, sehr wichtige Punkte. Aber auch in dem Bereich mache ich mir keine Sorgen, da ist Wien in einer herausragenden Position. Da befürchte ich auch nicht, dass uns dieser Rang bald abgelaufen werden könnte. Immerhin gilt Wien – nach Zürich – als lebenswerteste Stadt der Welt. Das sagt schon einiges aus.

Der Wirtschaftsstandort Wien endet längst nicht mehr bei den Stadtgrenzen, sondern geht in das Umland hinaus. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Niederösterreich?

Das Wachstum im sogenannten Speckgürtel ist vor allem ein Wiener Wachstum. Es sind großteils Wiener Firmen, die hier nicht mehr genügend Platz haben und daher nach Niederösterreich gehen. Deshalb müssen beide Bundesländer kooperieren. Wir brauchen ein gemeinsames Verkehrskonzept, aber auch einen gemeinsamen Flächenwidmungsplan. Da gibt es sicher noch Verbesserungspotenzial, aber nur so kann die gesamte Region nachhaltig wachsen.

Kommen wir abschließend zur Fußball-Europameisterschaft. Was bringt der Großevent für die heimische Wirtschaft?
Wir profitieren unter anderem von den vorgezogenen Investitionen in die Infrastruktur. Konkret meine ich hier beispielsweise die U2-Verlängerung. Den größten Vorteil sehe ich aber in der Medienpräsenz. Die TV-Übertragungen der Spiele erreichen weltweit Milliarden Haushalte. Ich hoffe, dass es gelingt, uns nachhaltig als attraktiven Wirtschaftsstandort zu empfehlen.

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Das Interview führten Jürgen Zacharias und Andreas Dressler. Ich danke der FF Zeitschriftenverlags GmbH für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

28.04.2008

Interview: "Wien - Standort mit Qualitäten"

Die Wiener Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank über Erfolgsfaktoren des Unternehmensstandorts Wien sowie ihre Info- und Kommunikationsoffensive.


FORMAT: Frau Präsidentin, wie schätzen Sie als oberste Repräsentantin der Wiener Wirtschaft die Standortqualität der Bundeshauptstadt ein?
JANK: Wien ist ein hervorragender Wirtschaftsstandort und bietet Unternehmen eine sehr gute Infrastruktur sowie ein unternehmerfreundliches Klima. Die Gründe dafür sind vielfältig: Einerseits liegen sie in der Verfügbarkeit gut ausgebildeter und einsatzbereiter Fachkräfte. So hat Wien mit neun Universitäten und fünf Fachhochschulen im österreichischen Vergleich die Nase vorne. In Wien gibt es 800 Forschungseinrichtungen, jährlich werden hier zwei Milliarden Euro für Forschung ausgegeben.


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Im Gespräch mit den Journalisten Michael Schmid und Birgitt Kohl


FORMAT: Das heißt, die Standortqualität hält mit der hohen Lebensqualität in Wien mit?
JANK: Die exzellenten Lebensbedingungen, die Wien zu bieten hat, nützen auch dem Wirtschaftsstandort. So haben etwa aufgrund der hohen Lebensqualität, Sicherheit und Kaufkraft bereits rund 300 internationale Unternehmen ihre Mittel- und Osteuropa-Zentralen hier in Wien.

FORMAT: Wie sehen Sie die Situation in Sachen Infrastruktur?
JANK: Die Infrastrukturvorteile dieser Stadt liegen klar auf der Hand: Der Flughafen Wien und der künftige Autobahnring sorgen für optimale Anbindungen. Unser Home-Carrier Austrian Airlines verfügt über das dichteste Routennetz in die Region Mittel- und Osteuropa. Und auch die Aktivitäten wie der Neubau des Hauptbahnhofs, die seitens der ÖBB gesetzt werden, sind wichtige Voraussetzungen für einen optimalen Wirtschaftsstandort.

FORMAT: Macht sich diese Attraktivität auch bei den Unternehmensgründungen bemerkbar?
JANK: Wir können in Wien ein dynamisches Wachstum feststellen. 28 Prozent der österreichischen Start-ups wählen Wien als Standort. So wurden 2007 mit rund 8.000 Gründungen um drei Prozent mehr Unternehmen ins Leben gerufen als noch im Jahr davor. Mit diesen Gründungen wurden auch 6.000 Arbeitsplätze geschaffen.

FORMAT: In welchen Branchen sind die meisten Jungunternehmer vertreten?
JANK: Den stärksten Anstieg hat es, neben den klassischen Sektoren Gewerbe und Handwerk, in den Bereichen Finanzdienstleistung, Unternehmensberatung, IT, Werbung sowie in den persönlichen Dienstleistungen wie etwa Lebens- und Sozialberatung gegeben. Das ist natürlich erfreulich, allerdings sollte neben Wiens Positionierung als Dienstleistungsmetropole langfristig auch verstärkt das Zusammenspiel mit den produzierenden Unternehmen gewährleistet sein.

FORMAT: Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Unternehmern?
JANK: Ganz erfreulich ist, dass der Frauenanteil bei den Wiener Jungunternehmern kontinuierlich steigt. Im Zehnjahresvergleich können wir einen Zuwachs von zehn Prozentpunkten bei Gründerinnen verzeichnen. Aktuell haben wir einen Höchststand von 37,3 Prozent Frauenanteil an den Neugründungen.

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FORMAT: Sie haben gerade eine Informationsoffensive unter dem Titel "Weiter kommen" gestartet, um den Mitgliedern das Serviceangebot der
Wirtschaftskammer näherzubringen. Sie haben dazu auch das Leistungsspektrum neu definiert. Was soll diese Aktion den Mitgliedern bringen?
JANK: Die Wirtschaftskammer Wien (WKW) ist kein Selbstzweck. Wir sind ausschließlich für unsere Mitglieder da. Daher ist es uns wichtig, unsere Dienstleistungen für Unternehmen kontinuierlich zu optimieren. Dafür haben wir alle von uns angebotenen Serviceleistungen neu strukturiert und in sechs Leistungsfelder zusammengefasst, die sich nach den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Mitglieder richten.

FORMAT: Aber wozu braucht es eine Kampagne? Die Wirtschaftskammer ist eine bekannte Organisation.
JANK: Mit der Kampagne wollen wir unsere Mitglieder gezielt über das WKW-Servicecenter informieren. Da Unternehmen Kraft der gesetzlichen Regelung Mitglieder der WKW sind, wollen wir Wiener Firmen dazu aufrufen, das breite Leistungspaket auch öfter in Anspruch zu nehmen. Denn schließlich werden viele unserer Leistungsangebote ohne zusätzliche Kosten zur Verfügung gestellt.

FORMAT: Netzwerke sind speziell für Jungunternehmer und KMUs wichtig. Wie unterstützt die WKW ihre Mitglieder bei diesen Aktivitäten?
JANK: Die Wiener Wirtschaftskammer stellt ein breites Spektrum an Netzwerken und Kooperationsmöglichkeiten bereit, von denen unsere Mitglieder profitieren können. Zum Beispiel ermöglichen wir Kreativen auf unserer Plattform Creativespace den Zugang zu potenziellen Auftraggebern. In unserer Informations- und Kommunikationsoffensive wollen wir daher – neben den Schwerpunkten Aus- und Weiterbildung sowie Beratung und Unterstützung – Unternehmen verstärkt auf die Vorzüge des Networking aufmerksam machen.

FORMAT: Welche Formen der Beratung werden von Wiens Unternehmern am meisten in Anspruch genommen?
JANK: An der Spitze steht die Beratung im Gewerbe-, Arbeits- und Zivilrecht. Kleinere Unternehmen nutzen diese Option leider noch immer viel zu selten. Unsere Kompetenz besteht darin, zu vielfältigen Themenbereichen wie etwa zu Förderungen oder Export Beratung und Unterstützung anbieten zu können. Die Serviceleistungen reichen von telefonischen Auskünften über persönliche Beratung bis hin zur Möglichkeit der arbeits- und sozialrechtlichen Vertretung.

FORMAT: Was bietet die WKW im Aus- und Weiterbildungsbereich?
JANK: Ein breit gefächertes Leistungsangebot: Das Wifi, die größte private Bildungseinrichtung, das Hernstein Institut für Management und Leadership sowie die Business Schools in Wien oder auch acht Fachhochschulstudiengänge und die Modul University Vienna. Jährlich nutzen rund 70.000 Menschen die Erwachsenenbildungsangebote der WKW.

FORMT: Welche Impulse kann die Wiener Wirtschaft vom anstehenden Großevent EURO 2008 erwarten?
JANK: Das Megaereignis EURO 2008 sollte als eine große Chance für Wien
betrachtet werden. Unserer Stadt wird durch einen solchen Großevent die Möglichkeit geboten, ihre Freundlichkeit, ihre Tourismusqualitäten sowie ihre Wirtschaftskompetenz und ihren Stellenwert in Europa einem Milliardenpublikum zu transportieren. Wenn uns das gelingen sollte, wird ein langfristiger Gewinn für Wien und die Wiener Wirtschaft zustande kommen.

FORMAT Interview: Birgitt Kohl,
Michael Schmid

Das Interview erschien am 28. März 2008 im Wochenmagazin "FORMAT" (NR. 13). Ich danke für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

18.01.2008

Interview mit dem "WirtschaftsBlatt"

"Globale Ausrichtung ist künftig wesentlich"

>Für eine globale Ausrichtung der Wiener Wirtschaft plädiert WK Wien-Präsidentin Brigitte Jank im Exklusiv-Interview mit dem WirtschaftsBlatt. Das sei so wesentlich wie die bisherige Osteuropa-Orientierung.<


WirtschaftsBlatt: Wie fällt Ihre Bilanz für das Jahr 2007 aus?
Brigitte Jank: Das vergangene Jahr ist für die Wiener Wirtschaft sehr positiv verlaufen. Vor allem die Exportwirtschaft, die Bauwirtschaft und das Baunebengewerbe können sehr zufrieden sein. Auch der Handel hat vom starken Endspurt im Weihnachtsgeschäft profitiert. Dabei hat sich gezeigt, dass sich die Kaufkraft nicht nur auf den klassischen Handel, sondern auch auf den Dienstleistungssektor verteilt.

WirtschaftsBlatt: Werden bei den Öffnungszeiten, die heuer die Möglichkeit bieten, von 66 auf 72 Wochenstunden auszuweiten, substantielle Veränderungen notwendig sein?
Brigitte Jank: Mit der neuen Regelung erhalten die Kaufleute einen Handlungsspielraum, um die Verkaufszeiten optimal an die Wünsche der Kunden anzupassen. Schon vor Inkrafttreten der neuen Regelung haben wir aber festgestellt, dass die bisher erlaubten 66 Stunden vom Handel grossteils nicht voll ausgenützt worden sind. Ich gehe daher davon aus, dass es keine signifikanten Änderungen geben wird. Im neuen Jahr haben vor allem der Lebensmittelhandel und die Einkaufszentren ihre Öffnungszeiten angepasst. Letztendlich bestimmt aber der Konsument die Öffnungszeiten.

WirtschaftsBlatt: Wo liegen wirtschaftliche Pobleme für Wiens Untenehmer?
Brigitte Jank: In Wien gibt es mehr als 8000 Neugründungen pro Jahr. In der Aufbauphase, wo die wirtschaftliche Leistung oftmals noch nicht ausgeprägt genug ist, sind begleitende Beratungen sinnvoll. Auf der anderen Seite kommen viele Unternehmen in die Übergabephase. Mit der Abschaffung der Erbschaftssteuer wurde sichergestellt, dass die betriebliche Substanz und das Eigenkapital nicht mehr geschmälert werden. Darüber hinaus bieten wir als Wirtschaftskammer Wien ein breites Service-Angebot für Unternehmer, die Betriebe übernehmen wollen.

WirtschaftsBlatt: Wie zufrieden sind Ihre Mitglieder mit den Leistungen der Wirtschaftskammer?
Brigitte Jank: Darüber werten wir gerade eine Studie aus. Erste Ergebnisse zeigen, dass wir uns bei der Zufriedenheit der Mitglieder sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Beurteilung in eine sehr positive Richtung bewegen. In den vergangenen Jahren haben wir den Kontakt zu unseren Mitgliedern stark intensiviert - etwa auch im Rahmen des mobilen Info-Services. Das verstärken wir heuer mit einer neuen Kommunikationsoffensive.

WirtschaftsBlatt: Wie stehts um Ihre Forderungen an die Politik?
Brigitte Jank: Wir haben viel gefordert und viel erreicht: beispielsweise die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Unternehmer ab 1.1.2009, die Selbstständigenvorsorge nach dem Modell der „Abfertigung Neu" seit dem 1.1. dieses Jahres oder die Senkung der Beitragssätze in der Krankenzusatzversicherung. Eine weitere Forderung der Wirtschaftskammer, die erfüllt wurde, ist die bereits erwähnte Abschaffung der Erbschaftssteuer per 31.7.2008. Davon sind in Wien allein 12.000 KMU betroffen, die in den nächsten Jahren vor der Übergabe stehen. Offen ist die steuerliche Gleichstellung der Unternehmer mit den Unselbstständigen analog einem 13./14. Monatsgehalt. Massnahmen braucht es auch noch beim Thema Frau-Beruf-Familie, oftmals wurde ein optimales Verhältnis zwischen Arbeit, Familienleben und Kindererziehung noch nicht gefunden.
Sehr positiv bewerte ich auf europäischer Ebene, dass das von mir heftig kritisierte Reverse Charge Modell der EU von der Agenda der EU-Kommission vorläufig abgesetzt wurde. Österreich darf nicht zum Versuchskaninchen für das neue Steuer-Betrugsbekämpfungssystem werden, für das es überhaupt noch keine Erfahrungswerte gibt. Beim angedachten Modell einer Reverse Charge soll die Steuerschuld an das Ende der Lieferkette verlagert werden, die betrugsanfällige Vorsteuer-Erstattung entfällt. Ein Probelauf hätte die Wiener Unternehmer weit über 100 Millionen Euro gekostet - aufgrund von Anpassungen der EDV-Programme, zusätzlicher Steuerberatungskosten und neuer Erfassung der Lieferantenstruktur. Klar muss sein, dass Betrugsbekämpfung notwendig ist. Aber ob die vorgeschlagenen Mittel treffsicher sind, kann man meiner Meinung nach nicht mit einem Feldversuch in einem einzelnen Land erproben, sondern sollte zuerst in Simulationsverfahren durchgespielt werden.

WirtschaftsBlatt: Die Wiener Wirtschaft blickt immer deutlicher über Osteuropa hinaus in den Mittleren Osten etwa, wie eine WKW-Reise nach Dubai zeigte. Wird jetzt Osteuropa beziehungsweise die Region Wien-Bratislava nachgereiht?
Brigitte Jank: Wien hat nicht nur die Verpflichtung, seine Ostkompetenz zu erhalten, sondern wir sehen unsere künftigen Chancen auch darin, Drehscheibe für die aufstrebenden Wirtschaften der Ostländer nach dem Westen zu werden. Dazu brauchen wir noch viele begleitende Massnahmen, etwa im Infrastrukturbereich. Der Ausbau von Strasse, Schiene und Donau ist rasch voranzutreiben. Darüberhinaus ist für die Wiener Wirtschaft eine globale Ausrichtung gleichermassen wesentlich. Wir haben daher in Begleitung einer Delegation von 20 Wiener Unternehmen bei dieser Reise erste, sehr erfolgreiche Kooperationsgespräche geführt. Derartige Wirtschaftsmissionen organisieren wir auch in die nahen Märkte, wie etwa vor einigen Monaten nach Rumänien.

WirtschaftsBlatt: Was ist für eine erfolgreiche Betriebsasiedlungspolitik in Wien notwendig?
Brigitte Jank: Wir bereiten zur Zeit ein Betriebsflächenkonzept vor. Der Stadtentwicklungsplan (STEP) der Gemeinde Wien ist der übergeordnete Rahmen, uns geht es aber um das Detail. Bestehende Betriebsgebiete sind zu „branden" und für Investoren sichtbar zu machen. Es geht um die rasche und umfassende Information für Unternehmen auf Standortsuche. Wir denken an eine Plattform, mit allen relevanten Infos wie Standortvorteile, Verkehrsanbindungen, Widmungen, Aufschliessung, das Umfeld, mögliche Synergien mit bereits bestehenden Unternehmen etcetera. Jedenfalls sprechen wir uns weiterhin gegen Umwidmungen von Betriebsgebieten in Wohngebiet aus. Zudem wird eine Studie präsentiert werden, welche Branchen für die Weiterentwicklung des Wirtschaftstandortes Wien wichtig wären. Danach soll sich die Vermarktung ausrichten. Es ist bedauerlich, dass die Wirtschaftsuniversität und die Technische Universität beim Standort Aspern abgewunken haben. Ich appelliere an alle Beteiligten, positiv daran zu arbeiten, dass Aspern jedenfalls ein Wirtschafts- und Forschungsstandort wird.

WirtschaftsBlatt: Sie wollen Aspern als Wirtschaftsstandort positionieren. Für welche Spezialbereiche?
Brigitte Jank: Die angesprochene Studie wird uns mehr Aufschluss geben. Aus derzeitiger Sicht könnten es die Bereiche Umwelttechnologie, IKT oder der Automotive Sektor sein, nicht zuletzt wegen der Nähe zur Fahrzeugindustrie in der Slowakei.

WirtschaftsBlatt: Wie steht die Wiener Wirtschaft zur Euro 2008 im Juni? Die Taxler waren eine zeitlang skeptisch.
Brigitte Jank: Nach einer jüngsten Umfrage sind die Taxiunternehmer gut vorbereitet, auch wenn Beeinträchtigungen für die Verkehrswirtschaft zu erwarten sind. Es wird an der Zulieferlogistik für die vier Euro-Wochen aber schon jetzt gearbeitet. Für den Zu- und Abtransport der Gäste in den Fan-Zonen ist die Generalprobe mit dem Buskonzept im Advent bestens gelungen. Generell bedeutet die EM eine einzigartige Chance für die Wiener Wirtschaft, die die Unternehmer sicherlich bestens nützen werden.


Interview: Franz Gansrigler

Eine gekürzte Version erschien am 14. Jänner 2008 in der Printausgabe der Tageszeitung "WirtschaftsBlatt". Ich danke dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

14.09.2007

Interview für "Die Wirtschaft"

Das Interview erschien am 30. August 2007 in der Zeitschrift "Die Wirtschaft".
Vielen Dank dem Österreichischen Wirtschaftsverlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.



Wirtschaftskammer Wien setzt auf Euro 2008
»Profitieren vom größten Sportereignis aller Zeiten«


Wien bleibt ein hochattraktiver Wirtschaftsstandort, ist Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien, überzeugt. Dafür sorgt unter anderen die Vielfalt der Unternehmer: 2006 kamen die rund 8.000 Neugründer in Wien aus 72 verschiedenen Nationen. Von der Euro 2008 erwartet sich Jank eine starke Schubwirkung, Nachholbedarf ortet sie bei der Bereitstellung von Betriebsflächen für produzierende Betriebe. Interview: Harald Hornacek


DIE WIRTSCHAFT: Der Wirtschaftsstandort Wien ist einer der dynamischsten Wirtschaftsräume in Europa. Wo sehen Sie Stärken, wo Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Wien?

BRIGITTE JANK: Wien ist ein attraktiver Wirtschaftsstandort, der sich vor allem durch seine geografische Lage, günstige Unternehmensbesteuerung, hervorragend ausgebildete Fachkräfte sowie ein hohes Maß an Sicherheit und Lebensqualität auszeichnet. Wien erfüllt durch seine Nähe zu den Märkten Mittel- und Osteuropas die Funktion einer zentraleuropäischen Drehscheibe, und punktet nicht zuletzt durch seine lange Erfahrung im Ostgeschäft. Internationale Unternehmen schätzen aber auch die vergleichsweise geringen Kosten, die eine Niederlassung in Wien mit sich bringt: Die Senkung der Körperschaftssteuer hat uns einen enormen Wettbewerbsvorteil beschert, die Büromieten sind im internationalen Vergleich noch immer gering. Zugleich gilt Wien als Wissens- und Kompetenzzentrum: Unternehmen können im Hinblick auf Technologietransfer von der Nähe zu Universitäten und Forschungszentren profitieren, die überdies hoch qualifizierte Arbeitnehmer heranbilden. Stärkefelder wie Biotechnologie, Life Science oder Creativindustrie werden künftig noch weiter an Bedeutung gewinnen. Nachholbedarf hat Wien bei der Bereitstellung von Betriebsflächen für produzierende Betriebe. Anders als vergleichbare Städte hat Wien noch immer kein langfristiges Betriebsflächenkonzept, das eine strategische Entwicklung der Flächenreserven ermöglicht. Derzeit arbeiten Experten der WKW an einer Internetplattform, in der erstmals alle Betriebs- und Industrieflächen für an- oder umsiedlungswillige Betriebe übersichtlich und klar dargestellt werden sollen.


DIE WIRTSCHAFT: Die Euro 2008 wird Österreich hoffentlich einen fußballerischen sicherlich aber einen wirtschaftlichen Erfolg bringen. Wie
können Sie als Wirtschaftskammer Wien hierbei die Wiener Betriebe unterstützen? Und welche konkreten Erwartungen haben Sie in Bezug auf die Auswirkungen der Euro 2008?


BRIGITTE JANK: Die Europameisterschaft ist das größte Sportereignis, das Wien bisher je gesehen hat. Aus unseren Gesprächen wissen wir, dass der Vorbereitungsstand der Wiener Unternehmen bereits sehr weit ist. Rund ein Drittel der Wirtschaftstreibenden wollen die EM für ihre Geschäfte nützen, ein Drittel ist sich diesbezüglich noch nicht sicher. Und das übrige Drittel hat kein Interesse an der EM. Wir unterstützen unsere Mitglieder mit einer breit angelegten Informationskampagne, um die Unternehmen auf die komplexe rechtliche Situation, besonders im Hinblick auf die geschützten Marken, vorzubereiten. Zur Orientierung haben wir bei Prof. Schnedlitz von der WU-Wien eine Marketingstudie speziell für die Euro 2008 ausarbeiten lassen, die unserer lokalen Wirtschaft Wege aufzeigt, wie man vom großen Kuchen profitiert. Dennoch schätzen wir die unmittelbaren wirtschaftlichen Effekte realistisch ein. Einige Branchen, wie Gastronomie oder Hotellerie, werden stärker profitieren. Für den Handel, das hat die Erfahrung der Weltmeisterschaft in Berlin gezeigt, wird es schwieriger werden. In jedem Fall erwarten wir uns aber einen enormen Imagegewinn. Wir sind für drei Wochen im Mittelpunkt der Sportberichterstattung, bis zu 7.000 Medienvertreter werden über die Euro berichten und nicht nur über Fußball schreiben. Das ist unsere Chance, Wien als wirtschaftliches Herz Mitteleuropas zu positionieren.


DIE WIRTSCHAFT: CREATIVESPACE ist die neue Plattform und das Herzstück einer Initiative, die eine neue Qualität der Vernetzung zwischen traditionellen Unternehmen und den Creative Industries etablieren möchte. Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit dieser interessanten Initiative?

BRIGITTE JANK: Kern der Plattform sind der Netzwerkgedanke und der Marktplatz. Kreative Köpfe werden mit etablierten Unternehmen mit dem Anspruch vernetzt, dass beide Seiten profitieren müssen. Für Kreative ist unsere Plattform nicht nur das Tor zu den rund 85.000 Wiener Unternehmen, sondern da das Internet an keine Grenzen gebunden ist, auch als internationale Präsentationsplattform für Wiener Kreativleistungen zu verstehen. Für alle Unternehmer ist www.creativespace.at Zugang zu einer großen Bandbreite an kreativen Leistungen, die sie nicht nur in ihren täglichen unternehmerischen Bedürfnissen unterstützen, sondern auch zur Steigerung ihres Unternehmenserfolgs beitragen können. Dieses Bewusstsein wird durch www.creativespace.at gestärkt, Unternehmen werden zu Kreativkooperationen motiviert.


DIE WIRTSCHAFT: Zwei Drittel der Wiener Betriebe sind Kleinst- und Ein- Personen-Unternehmen. Welche speziellen Leistungen erbringen Sie für diese Betriebe? Und wie wollen Sie diese Unternehmen zu mehr Wachstum und damit verbunden zur Aufnahme neuer Mitarbeiter führen? Welche Unterstützungen und Förderungen sind dafür notwendig?

BRIGITTE JANK: Als starker Partner unterstützt die Wirtschaftskammer Wien die Kleinbetriebe seit jeher mit einem breiten Servicepaket. Dieses Service habe ich heuer durch ein umfassendes 12- Punkte-Forderungs-Programm präzisiert, weil mir die sozialen Absicherungen für Kleinstunternehmen ein besonderes Anliegen sind. Darin sind wesentliche Forderungen enthalten, wie beispielweise jene, dass auch kleine Unternehmen endlich in den Genuss der Sechstel-Bestimmung, also einem 13. und 14. Gehalt, kommen. Damit beseitigen wir einen großen Nachteil im Steuerrecht für Unternehmer und schaffen eine Herabsetzung des Spitzensteuersatzes auf weit unter 50 Prozent. Auch die Forderungen nach Schaffung einer Betriebsausfallver- sicherung, die Einrichtung einer freiwilligen Arbeitslosenversicherung und un- befristete Arbeitslosengeldansprüche sind in diesem 12-Punkte-Programm enthalten. In Wien haben wir mit der Senkung des Beitragssatz in der Krankenversicherung, sowie mit dem neuen Aufsetzen der Betriebshilfe für Unternehmer in Notsituationen schon einiges erreicht. Das ist aber noch kein Grund für Zufriedenheit. Das 12- Punkte-Forderungs-Programm der Wirtschaftskammer Wien ist unsere interessenpolitische Road-Map, um künftig noch stärker sozialpolitische Forderungen für Wiener Unternehmen durchzusetzen.


DIE WIRTSCHAFT: Die Wiener Wirtschaft ist geprägt von Vielfalt – viele Nationalitäten sind in dieser Stadt unternehmerisch tätig. Wie einfach oder schwierig haben Sie es hier als Interessenvertretung, nicht nur sprachliche, sondern vielfach auch kulturelle Distanzen zu überbrücken?

BRIGITTE JANK: Ethnische Unternehmer sind ein wichtiger Teil der Wirtschaft Wiens. Rund 19.000 Unternehmen können als Betriebe mit Migrationshintergrund bezeichnet werden. Alleine im Vorjahr kamen die rund 8.000 Neugründer in Wien aus 72 verschiedenen Nationen. Aus Erfahrung wissen wir, dass sie sich in ihren Bedürfnissen und Ansprüchen nicht von heimischen Unternehmern unterscheiden. Die Gründungsmotive sind dieselben, auch Problemstellungen des Alltags wie etwa Finanzierungsfragen oder soziale Absicherung sind ident. Die Serviceleistungen der Wirtschaftskammer Wien stehen allen Mitgliedern uneingeschränkt zur Verfügung: Besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung bieten wir aber bei Sprachproblemen oder Verständnisschwierigkeiten mit dem österreichischen Rechtssystem. Studien bestätigen, dass die wirtschaftliche Integration von ethnischen Unternehmen in Wien bisher gut gelungen ist. Der gesellschaftspolitische Aspekt ist aber eine andere Sache. Beste Deutschkenntnisse sind für alle Kinder Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Die exportoriente Wiener Wirtschaft braucht in Zukunft noch stärker gut ausgebildete Fachkräfte mit interkulturellen Kenntnissen und Fähigkeiten. Dieses Potenzial, das Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen, ist unverzichtbarer Vorteil und muss von der Wirtschaft verstärkt unterstützt und genützt werden, die Politik hat für die notwendigen Rahmenbedingungen zu sorgen.

Danke für das Gespräch!